Interview „Die Ausbildungsbrücke“

Juliane Freifrau von Friesen
Juliane Freifrau von Friesen

WTK:  Sie sind sozusagen die Architektin der Ausbildungsbrücke. Was hat Sie dazu veranlasst?

Juliane Freifrau von Friesen (JvF): Gleich zu Beginn meiner eigenen beruflichen Tätigkeit war ich als Personalreferentin eines großen Berliner Metallunternehmens u.a. für die dortige Ausbildungswerkstatt zuständig. Auch wenn das nun schon fast 30 Jahre zurückliegt, erinnere ich mich sehr genau an die Klage der Ausbilder, es gäbe einfach zu wenig geeignete junge Menschen. Die Betonung lag selbstverständlich auch damals schon auf „geeignete“.

Ich habe mich natürlich gefragt, was im Hinblick auf die Berufsausbildung und ihre Anforderungen eigentlich in der Schule schief läuft. Um das herauszufinden, habe ich Lehrerinnen und Lehrer aus Schulen der Umgebung eingeladen, um über genau diesen Punkt mit ihnen und den Ausbildern zu diskutieren, weil Lamentieren alleine nicht wirklich weiterhilft. Das hat zwar nicht zu einer grundlegenden Änderung der Situation geführt, war aber die Initialzündung zu einem permanenten Austausch, der allen Beteiligten, in erster Linie natürlich den Schülerinnen und Schülern, zugute kam.

WTK: Und die Situation ist heute die gleiche?

JvF: Nein. Sie hat sich offensichtlich verschärft. Auf der einen Seite suchen junge Menschen Ausbildungsplätze. Auf der anderen Seite braucht die Wirtschaft Fachkräfte, d.h. sie muss ausbilden. Man könnte meinen, die Konstellation ist annähernd ideal, doch nun kommt das Problem der Eignung ins Spiel. Aus Sicht der Wirtschaft ist die Qualifikation, insbesondere von Hauptschülern, absolut unzureichend. Das Defizit reicht von fehlenden Kenntnissen in Mathematik und Deutsch, einem deutlichen Mangel an technischem Verständnis und manuellen Fertigkeiten bis hin zum teilweise katastrophalen Sozialverhalten. Vorstellungen über die Berufswelt sind häufig überhaupt nicht vorhanden oder schlicht falsch.

WTK: Und die Ausbildungsbrücke schafft hier Abhilfe?

JvF: Sie wissen doch, Wunder dauern etwas länger. Aber im Ernst: Das Neue an der Ausbildungsbrücke ist ihre „Verlinkung“ von Schule und Ausbildung. Sie setzt ein, bevor das Kind in den Brunnen gefallen und darin ertrunken ist, nämlich zwei Jahre vor Ende der Schulzeit; von da an begleitet ein Senior einen Junior, d.h. eine Schüler oder eine Schülerin, durch die restliche Schulzeit. Der ehrenamtliche Senior oder Schülerpate ist selbst ein erfahrener  Wirtschaftsmensch, dessen berufliche Tätigkeit in der Regel abgeschlossen ist.

WTK: Und was befähigt den Schülerpaten zu seiner sicherlich nicht einfachen Aufgabe?

JvF: Er wird für seine Aufgabe vorher natürlich fit gemacht und auch permanent fit gehalten. Dafür gibt es ein eigenes Programm. Wichtigste Aufgabe des Schülerpaten ist es, sein „Patenkind“ bei der Berufsorientierung ebenso zu unterstützen wie bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er soll auf Ausbildungseignungstests vorbereiten und natürlich seinem Schützling die größtmögliche Hilfestellung beim Schulabschluss geben. Außerdem soll er ein realistisches Bild der Berufswelt und ihrer Anforderungen vermitteln. Manchen Schülern ist zum Beispiel nicht klar, welchen Stellenwert Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit haben.

WTK: Die Ausbildungsbrücke hilft also in erster Linie Hauptschülern?

JvF: Die Absolventen dieses Schulzweigs haben die Hilfestellung sicher am nötigsten, aber grundsätzlich steht die Ausbildungsbrücke auch Realschülern offen und ich will nicht ausschließen, dass sie sogar für Gymnasiasten von Vorteil sein kann. Letztere sind allerdings aktuell nicht die Zielgruppe.

WTK: Was passiert, wenn im günstigsten Fall der Schulabschluss geschafft und ein Ausbildungsplatz gefunden worden ist?

JvF: Dann sollen die Paten, jetzt als Jobpaten, ihre „Patenkinder“ durch die Ausbildung begleiten. Selbstverständlich gibt es hier keinen Zwang. Alles ist freiwillig. So wie kein Schüler zwangsweise mit einem Paten „beglückt“ wird, kann er auch als Auszubildender frei entscheiden, ob er die Hilfestellung annimmt oder nicht.

WTK: Und was haben die Ausbildungsbetriebe davon?

JvF: Ich bin überzeugt, dass vor allem kleine Betriebe davon profitieren, dass ein junger Mensch außerhalb der Ausbildung ein gewisses Maß an Unterstützung erfährt. Ich scheue auch nicht, das Wort „Kontrolle“ hier in den Mund zu nehmen. Zudem ist die Frustrationstoleranz vieler junger Menschen heute nicht allzu ausgeprägt, will sagen: die Annahme von Kritik fällt ihnen manchmal äußerst schwer. Der Jobpate wird zwar nie zum Garanten einer erfolgreichen Ausbildung werden, aber er kann dazu beitragen.

WTK: Also überall nur Gewinner?

JvF: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Die Chancen der jungen Menschen, einen Schulabschluss zu schaffen und eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren, werden durch die Ausbildungsbrücke erhöht. Die Unternehmen bekommen leichter „passende“ Auszubildende, die dann zu den begehrten Fachkräften werden. Die Jobpaten, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, erhalten eine zukunftsweisende, herausfordernde Aufgabe und gesellschaftliche Anerkennung. Und natürlich profitieren von ihrem Engagement auch Eltern und Lehrer, letztendlich die ganze Gesellschaft.

Ich finde, dass wir uns dringend und so viel wie irgend möglich um unserer Jugend kümmern müssen. Wir haben nur diese eine.

WTK: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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